Surfen kann sich so frei anfühlen. Doch beim Weg dorthin ist es manchmal das Gegenteil. Vor jeder Reise liegt erstmal ein riesen Haufen Gepäck im Wohnzimmer. Zwei Surfbretter, Neos in vier verschiedenen Größen und Dicken, Bodyboards und Spielzeug für die Kinder, manchmal sogar Isomatten, Schlafsäcke und Zelt.
Wenn wir dann noch versuchen, nachhaltig ohne Auto ans Meer zu kommen, wird die Logistik für die Familie zum Nebenjob, von dem man sich eigentlich in einem separaten Urlaub erstmal erholen müsste.

Doch diesmal ist alles anders. Wir fahren mit unseren beiden Kindern, die drei und sechs Jahre alt sind, in ein Familien-Surfcamp nach Frankreich. Dort werden wir alles gestellt bekommen: Surf-Ausrüstung, Essen mit Geschirr und ein luxuriöses Bett. Also haben wir diesmal nur eine Art Handgepäck. Damit sollte die Zugfahrt von München an den Atlantik kein Problem sein, denken wir uns und stürzen uns gleich auf die erste Frage: Was für Tickets buchen wir?
Inhaltsverzeichnis
Zugtickets an den Atlantik
Einzelne Fahrkarten für die separaten Zugstrecken sind günstig, wenn man frühzeitig plant. Unsere jüngere Tochter kann im französischen Schnellzug TGV als Unter-Vierjährige kostenlos fahren, und unsere ältere Tochter bezahlt als Unter-Elfjährige nur 50%. Im ICE reisen beide Kinder sogar bis 14 Jahre gratis.
Wer dann sechs Monate vorher bucht, zahlt als Erwachsener von München nach Paris nur 60 €. Die weitere Fahrt an den Atlantik gibt es in der TGV-Billigmarke OUIGO schon ab 19 €, während Kinder unter 12 Jahren in diesen Zügen nur 8 € pro Strecke zahlen. So kann man die Hin- und Rückfahrt zu viert für 400 € schaffen. Bei uns klappt das allerdings nicht. So weit im Voraus planen wir selten.
Stattdessen besorgen wir Interrail-Tickets, von denen es viele Varianten gibt. Die für uns passendste ist ein sogenannter Global Pass für vier frei wählbare Reise-Tage innerhalb eines Monats. Der Pass ist für Kinder unter 11 Jahren gratis und kostet für Erwachsene über 27 Jahren 283 €. Zusätzlich müssen wir in ICEs nach Frankreich und in allen TGVs noch Reservierungen von rund 15 € pro Sitzplatz kaufen.
Somit zahlen zwei Erwachsene mit zwei Kindern mit Interrail-Ticket für Hin- und Rückfahrt rund 700 €. Ein großer Vorteil für uns ist, dass wir mit dem Ticket unsere Reisetage auch noch knapp vor der Abreise festlegen oder ändern können (solange es verfügbare Platz-Reservierungen für TGVs gibt, die im Sommer oft ausgebucht sind).
Diese Flexibilität ist für uns sehr praktisch, da wir bis zum Schluss noch Details an der Planung ändern. Denn lange grübeln wir über die nächste Frage: Über welche Strecke kommen wir am besten mit dem Zug nach Frankreich ans Meer?
Mit dem Zug nach Frankreich ans Meer
Frankreichs Schienennetz sieht aus wie ein Stern mit Paris als Zentrum. Daher ist klar: Wie alle Zugreisenden aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommen wir nur über Frankreichs Hauptstadt an den Atlantik. Eine Herausforderung dabei ist, dass wir in Paris (in fast allen Fällen) den Bahnhof wechseln müssen, was unter Zeitdruck stressig sein kann.

Von München nach Paris gibt es mehrere Verbindungen. Bei den meisten steigt man einmal um und braucht etwa sechs Stunden. Einmal pro Tag, früh morgens um 6:51 Uhr, gibt es einen TGV-Direktzug, der nur 5:40 Stunden benötigt. Da wir für den Urlaub lediglich zwei Wochen Zeit haben, entscheiden wir uns für diesen Zug, mit der schmerzhaften Konsequenz: Wir müssen sehr früh aufstehen!
Von Müdigkeit merken wir anfangs wenig. Zu groß ist die Vorfreude endlich mit dem Zug nach Frankreich ans Meer zu fahren. So ist die Fahrt nach Paris schnell vorbei. Auch der Bahnhofswechsel in Paris von der Gare de l’Est zur Gare Montparnasse klappt unkompliziert, denn wir gönnen uns ein Taxi. Da ich als Student zwei Jahre in Paris gelebt habe, ist es schön, mal wieder durch die vertraute Stadt zu fahren.
Doch im zweiten Zug, von Paris an den Atlantik, werden vor allem die Kinder langsam müde. Spätestens in Bordeaux fragen wir uns: Haben wir uns für den einen Tag zu viel vorgenommen? Wäre es entspannter gewesen, unterwegs zu übernachten?
Ein Zwischenstopp zum Übernachten
Für einen Aufenthalt über Nacht bieten sich auf der Reise zwei Städte an: als naheliegende Lösung Paris und als Geheimtipp Straßburg.
Paris ist natürlich aufregend. Außerdem wechselt man bei Zugfahrten aus Deutschland hier ohnehin (in fast allen Fällen) den Bahnhof. Bei der Gelegenheit kann man sich auch gut für ein oder zwei Nächte eine Übernachtung buchen.

Dagegen bietet Straßburg andere Vorteile: Die Stadt ist kleiner, überschaubarer, günstiger und hat auch nur einen Bahnhof für den überregionalen Verkehr. Wer also in Bahnhofsnähe eine Unterkunft findet, spart sich den vielen Verkehr der Großstadt.
Das gilt umso mehr, da es für die Weiterfahrt mit dem Zug nach Frankreich ans Meertäglich eine super Verbindung gibt: ein Zug um 10:01 Uhr, der ausnahmsweise nicht über die Pariser Innenstadt mitsamt Bahnhofswechsel führt. Stattdessen umfährt er Paris und hält im Bahnhof Massy TGV, einem Stopp für Schnellzüge 20 km südlich von Paris. Dort hat man üppige 15 Minuten Zeit, um einfach in den Direktzug an den Atlantik umzusteigen und dort noch vor 18 Uhr anzukommen.
Ein Tipp für günstige Übernachtungen in jeder Stadt ist die Hotel-Alternative Home Exchange, eine Internet-Plattform für kostenlose Privat-Unterkünfte. Auf einer Reise im Vorjahr hatte das super funktioniert. Dabei hatten wir, wie alle Neumitglieder, einen Anmeldebonus aus Punkten bekommen, die als Plattform-interne Währung dienen. Allein damit konnten wir auf der Webseite mehrere Nächte in einer tollen Unterkunft buchen.
Doch diesmal wollen wir möglichst schnell ans Meer. So sitzen wir etwas müde im Zug und fragen uns: Wann kommen wir endlich an?
Der Zielbahnhof in Frankreich
Der TGV von Paris hält in der Gegend des südlichen Atlantiks an vier Bahnhöfen: Bordeaux, Dax, Bayonne und Biarritz. Je nachdem, welchen Küstenort man ansteuert, steigt man an einem dieser Bahnhöfe aus. Von dort gibt es öffentliche Busse oder Taxis für die letzte Meile.

Wir steigen in Dax aus und sind jetzt wieder voller Elan. Von hier sind es nur noch 40 km bis nach Saint Girons, wo das Surfcamp liegt. Trotz dieser kurzen Entfernung, ist diese letzte Etappe logistisch am kompliziertesten.
Der Weg vom Bahnhof zum Surfcamp
Für die Fahrt vom TGV-Bahnhof in Dax an die Küste gibt es drei Optionen: günstige, aber etwas komplizierte öffentliche Busse; den noch günstigeren, aber ebenso etwas komplizierten öffentlichen Ruf-Bus TAD Digo; sowie teurere, aber zugleich entspannt-luxuriöse Taxis oder Shuttle-Services mit Kleinbussen.

Der öffentliche Bus von Dax nach St. Girons ist die Linie 514 des regionalen Anbieters Trans-Landes erschien uns zunächst perfekt: Er kostet nur 2,50 € für Erwachsene und Kinder ab 4 Jahren.
Allerdings merkten wir zum Glück schon bei der Planung, dass er nur samstags und sonntags fährt, und auch nur von Anfang Juli bis Ende August. An diesen Tagen fährt er drei Mal täglich (9:35 Uhr, 14:00 Uhr und 18:00 Uhr) und das nur bis nach St. Girons Bourg, dem historischen Zentrum von St. Girons, das etwa 5 km von der Küste entfernt liegt. Dort muss man also in einen gratis Shuttlebus umsteigen. Der fährt alle 45 Minuten nach Saint Girons Plage, den Gemeindeteil am Meer, wo das Surfcamp liegt. Da wir unter der Woche anreisen, fällt diese Option aber aus.
Der regionale Ruf-Bus TAD (kurz für „Transport à la Demande“) mit dem Markennamen Digo ist mit Ticketpreisen von 1€ für Erwachsene und Kinder über 12 Jahren sogar noch günstiger. Die Linie 1 von Dax nach Lit-et-Mixe über St. Girons Bourg fährt zwar ganzjährig, aber nur mittwochs und freitags sowie jeden zweiten Samstag (in den Wochen mit ungerader Wochenzahl).
Zudem kann man den Bus frühestens zwei Wochen vorher und spätestens bis 16 Uhr am Vortag der Fahrt buchen. Das geht über die Betreiber-Webseite trans-landes.fr, die passende App (TAD Trans-Landes) oder per Telefon (unter +33-5 58 56 87 52). Die Wochentage des Digo passen für uns jedoch auch nicht, sodass noch die letzte Option bleibt.
Für zeitlich unflexible Gäste wie uns haben ein paar unternehmerische Privatleute Shuttle-Services gegründet. Interessanterweise sind es fast alles Expats, die nach Frankreich gezogen sind. Von ihren Wohnorten an der Küste aus haben sie jeweils eigene lokale Schwerpunkte für ihre Fahrten aufgebaut. Darunter sind kleinere Anbieter wie 3Sixty Transfers des Engländers Andy in Biarritz, Landes Tours & Transfers der beiden Belgier Leen und Stephan in Moliets, sowie das etwas größere Unternehmen West Coast Transfers des Engländers Jack in Messanges bei Moliets.
Wir entscheiden uns für West Coast Transfers. Von Freunden hatten wir schon über Jacks hervorragenden Shuttle-Service gehört. Und tatsächlich erweist sich der 34-Jährige, der seit 2015 im Sommer in der Gegend arbeitet und inzwischen acht Minibusse dafür nutzt, als großartiger Partner. Er hat die richtige Mischung aus professioneller Verbindlichkeit, urlaubsgerechter Lockerheit und einem super sympathischen Charakter.
Mit seinem Team aus internationalen Fahrern, die fast alle selbst begeisterte Surfer sind, bietet Jack zwei Arten von Fahrten zu individuell wählbaren Zeiten und Routen an: an Samstagen, dem Haupt-Anreisetag, gibt es auf viel befahrenen Strecken Gruppenfahrten zwischen Mitte Mai und Mitte September. Dabei teilen sich mehrere Gäste einen Kleinbus. Für die Fahrt von Dax bis ins Surfcamp in Saint Girons Plage zahlen Erwachsene dann 30 Euro pro Person.

Die andere Alternative ist eine private Einzelfahrt. Die kann man auch bis in den Oktober buchen, und sie kostet für die Strecke von Dax bis ins Surfcamp 100 Euro. Nach der langen Zugreise war das unsere Wahl. Und die Fahrt mit Jack war nicht nur ein persönliches Vergnügen, sondern auch spannend, da er die Gegend und ihre lokale Surfkultur hervorragend kennt.
So kommen wir letztlich gegen 19 Uhr an der Schranke des Campingplatzes an, auf dem das Surfcamp liegt. Dort erwartet uns schon unser Campleiter Marc, dem wir müde und zugleich glücklich in unser gemütliches Zelt folgen.
Welches Fazit?
Die Entscheidung, mit dem Zug nach Frankreich ans Meer zu fahren, war für uns auf jeden Fall die richtige. Nicht nur hat es sich nachhaltiger angefühlt als mit dem Auto zwei volle Tankladungen zu verfahren. Vor allem hatten wir im Zug Zeit zu lesen, gemeinsam zu essen, zu spielen und sogar ein bisschen zu schlafen.
Allerdings würden wir das nächste Mal wahrscheinlich in Paris, oder noch eher in Straßburg, übernachten. Wenn wir damit die Fahrt auf mehrere Tage verteilen, könnten wir eine Stadt besichtigen und vor allem den Kindern unterwegs etwas mehr Erholung gönnen. So haben wir, noch bevor wir das erste Mal auf unsere Surfbretter steigen, schon einen verlockenden Plan für den kommenden Sommer.





