Big Wave Surfen in Nazare: Wellen größer als der Verstand

Ein Beitrag von Sarah Zahn

Alles begann mit einer Einladung aus dem portugiesischen Fischerdörfchen Nazare (auf Portugiesisch Nazaré geschrieben), die neben diversen bekannten Namen aus der Big Wave Szene, auch dem US-amerikanischen Extremsurfer Garrett McNamara 2010 ins Postfach flatterte.

Von einer großen Welle war darin die Rede, möglicherweise der größten Welle der Welt, die bis dato immer noch von niemandem jemals bei voller Größe gesurft wurde. Ob er sich nicht vorstellen könne… und wie McNamara konnte!

Das wahre Ausmaß der Nazare Wellen ist oft nur in Relation zu den winzig erscheinenden Big Wave Surfern erkennbar
Das wahre Ausmaß der Nazare Wellen ist oftmals nur in Relation zu den vergleichsweise winzig erscheinenden Big Wave Surfern erkennbar

Und schließlich am 01. November 2011 das schier Unvorstellbare schaffte: es gelang ihm am Praia do Norte auf einer Welle von 78ft oder genauer gesagt 23,77 m nicht das Brett unter den Füßen, geschweige denn die Nerven zu verlieren.

Damit ging der adrenalinliebende Big Wave Surfer mit einem Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde offiziell in die Geschichte des Big Wave Surfens ein, die an diesem Tag in Portugal eigentlich erst so richtig losgehen sollte. Denn fortan waren die Nazare Wellen weltweit in aller Munde.

Rekorde über Rekorde

Ein paar Jahre später und Nazare hat sich in der Liste der bekanntesten und herausforderndsten Big Wave Spots der Welt zwischen Jaws (Hawaii), Teahupoo (Tahiti), Mavericks (California) und anderen Giganten einen beeindruckenden Namen gemacht.

Zwei Jahre nach seinem ersten Weltrekord soll McNamara angeblich sogar eine 30 m hohe Welle erfolgreich gesurft sein. Doch leider liegen von besagtem Tag keine Beweise in Form von Film oder Foto vor. Ein ähnliches Gerücht einer sogar 35 Meter hohen Welle kursiert um den portugiesischen Surfer Hugo Vau. Aber auch hier gilt: keine Kamera-Beweise – kein neuer Eintrag ins Buch der Rekorde.

Die Brasilianische Big Wave Surferin Maya Gabeira hält den Weltrekord der Frauen (Foto aus dem Big Wave Museum von Nazare)

Anders erging es da dem Brasilianer Rodrigo Koxa, der im November 2017 nicht nur den jährlich verliehenen und sehr heiß begehrten Big Wave Award of the Year von der World Surf League (WSL) erhielt, sondern mit seiner Leistung in den Nazare Wellen auch einen neuen Weltrekord hinlegte. 80ft beziehungsweise 24,38 m gilt es seitdem zu überbieten.

Dass es mit der Anerkennung von neuen Rekorden allerdings nicht immer ganz so einfach ist, zeigt das Beispiel von Maya Gabeira, einer inzwischen in Nazare lebenden Brasilianerin. Fast ein ganzes Jahr lang musste sie um die offizielle Bestätigung kämpfen, bevor es dank wissenschaftlicher Messungen endlich soweit war. Seitdem hält sie mit 73,5ft (22,4 m) den Weltrekord der Frauen im Big Wave Surfen.

Das Geheimnis der Nazare Wellen

Über die Entstehung der Big Waves von Nazare werden viele Halbwahrheiten verbreitet. Aber was hat Nazare, das andere Spots nicht haben, um hochhausgroße Wellen hervorzubringen?

Um das Geheimnis der Nazare Wellen zu lüften, müssen wir einmal sehr tief Luft holen und einen Blick unter Wasser werfen. Denn was den Praia do Norte (auf Google Maps ansehen) in Europa so einzigartig macht, ist der sogenannte Nazare Canyon, ein ausgeprägter Tiefsee-Graben, der an seiner tiefsten Stelle rund 5000 Meter misst und sich über einer Strecke von 230 km quer durch den Atlantischen Ozean zieht.

3D Modell vom Nazare Canyon im Big Wave Museum: Nazare befindet sich am linken oberen Bildrand

Erst wenige hundert Meter südlich des ikonischen roten Leuchtturms am Forte de São Miguel Arcanjo endet dieser submarine Graben, was ihn zum größten Unterwasser-Canyon Europas macht.

Doch was hat das alles jetzt mit den Nazare Wellen zu tun fragst du dich vielleicht?

Gab es auf offener See einen gigantischen Sturm und ein neuer Swell rollt auf die portugiesische Küste zu, wirkt der Nazare Canyon wie ein riesiger Trichter, der die eintreffende Wellenenergie ungebremst bis kurz vor die Küste leitet.

Fraktion der Nazare Wellen am nördlichen Rand vom Nazare Canyon
Refraktion der Nazare Wellen am nördlichen Rand des Canyons

Als Hauptgrund für die Entstehung der Nazare Wellen gilt allerdings das Phänomen der Refraktion – ein physikalisches Phänomen, das auch dafür sorgt, dass sich Wellen stets parallel zum Ufer ausrichten, bevor sie brechen.

Am Beispiel von Nazare sorgt die Refraktion zusätzlich dafür, dass die Wellen am nördlichen Rand des Canyons gebremst werden und dadurch nicht nur an Geschwindigkeit verlieren, sondern auch ihre Richtung ändern. Die Refraktion der Nazare Wellen wird also auch durch den Tiefenunterschied zwischen dem Kontinentalschelf und dem Nazare Canyon hervorgerufen.

In diesem Video (ab Minute 2:28) des Hydrographischen Instituts wird das Phänomen als Animation gezeigt und auf Portugiesisch kommentiert.

Der Tiefseegraben bündelt also nicht nur die Energie der großen Winterswells, sondern lenkt sie auch in nördliche Richtung ab – und zwar so, dass sie sich im besten Fall direkt vor dem Leuchtturm von Nazare mit den eigentlichen Swell-Linien überlagern und zu beeindruckenden A-Frames auftürmen.

Die vor den Felsen rausströmenden Wassermassen der nach Süden gerichteten Küstenströmung sorgen für einen zusätzlichen Push der Wellenhöhe.

Damit es am Praia do Norte ordentlich feuert, ist dementsprechend nicht nur die Größe des Swells, sondern auch die genaue Swellrichtung entscheidend. Ein West bis Nordwest-Swell gilt als optimal.

Willst du Nazare an einem großen Tag live erleben, brauchst du auf den gängigen Surf Forecast Seiten wie Magicseaweed oder Surf Forecast aber nicht auf den nächsten 20 Meter Swell warten.

magicseaweed Nazare Surf-Forecast Praia do Norte Portugal
Die schwarzen Sterne bei Magicseaweed signalisisren Big Wave Potenzial (Quelle: Magicseaweed)

Schon eine Dünung von etwa 3 m kann bei entsprechend hoher Swell-Periode ausreichen, den Rest übernimmt der Nazare Canyon. Denn durch das beschriebene Phänomen können aus 3 Metern ganz schnell 8 Meter oder mehr werden und somit bereits die Voraussetzungen für atemberaubendes Tow-In Surfen am Praia do Norte schaffen.

Als Anhaltspunkt können die schwarzen Sterne dienen, die bei Magicseaweed als eigene Klassifizierung der Surfbedingungen fürs Big Wave Surfen eingeführt wurden (siehe Screenshot).

Großer Swell am Praia do Norte alleine reicht nicht

Wie bei den kleineren Verwandten, reicht der richtige Swell allein allerdings noch nicht für die perfekte Nazare Welle oder “Big Mama” aus, wie sie auch liebevoll genannt wird. Neben der Dünungsgröße und -richtung bedarf es zudem einer Wellenperiode von mindestens 15 Sekunden und einem günstigen lokalen Wind.

Je größer die Periode, desto stärker und höher kann sie die Nazare Wellen formen. Und kommt zu guter Letzt ein schöner und allseits beliebter Offshore-Wind hinzu (in diesem Fall aus Osten), kannst du fast schon sicher sein, dass das nächste Big Wave Event kurz vor der Tür steht.

Die 4 wichtigsten Faktoren für große Nazare Wellen

  1. Swell-Größe: ab 3 Meter
  2. Swell-Periode: ab 15 Sekunden
  3. Swell-Richtung: West bis Nordwest
  4. Schwacher On- oder Sideshore Wind bzw. schwacher bis mäßiger Offshore Wind vor Ort

Aber auch nur fast, denn die Nazare Wellen können unberechenbar sein und ein starker lokaler Wind kann selbst den perfektesten Swell Forecast zunichtemachen bzw. dafür sorgen, dass die Big Wave Action am Praia do Norte leider ausfallen muss.

Die Big Mamas von Nazare lassen sich nicht so leicht vorhersagen

Damit du nicht nach Nazare fährst und trotz perfekter Surf Forecast plötzlich vor einem reinen Weißwasser-Chaos oder Mini-Wellen stehst, lohnt es sich immer, neben den Forecast-Seiten auch einen Blick auf die offizielle WSL-Seite oder auf die Facebook-Fanpages @praiadonortenazare und @GarrettMcnamarasurf zu werfen. Auch bei Instagram: @gigantesdenazare werden immer wieder faszinierende Stories veröffentlicht und vielversprechende Surf Forecasts besprochen.

Tipp: Um kein Big Wave Event zu verpassen, kannst du dich außerdem beim Big Wave Alert anmelden.

Nazare Webcam

Zudem gibt es sowohl auf der Klippe als auch am Praia do Norte die Nazare Webcam, die du dir im Vorfeld anschauen kannst, um dich möglicherweise für einen spontanen Tagestrip nach Nazare bereit zu machen.

Und wenn du es doch nicht nach Nazare schaffen solltest, kannst du das Spektakel dank der Nazare Webcam auch von Zuhause aus ganz bequem auf dem Sofa mitverfolgen.

Wann ist in Nazare Big Wave Saison?

Aufgrund der Tatsache, dass Nazare nur mit großem Swell aus der richtigen Richtung zum Leben erwacht, kannst du am Praia do Norte nur in den stürmischen Jahreszeiten mit gigantischen Wellen rechnen.

Oktober 2016: Im Herbst sind die Chancen auf XXL-Action besonders groß

Die offizielle Big Wave Saison in Nazare geht daher erst im Oktober los und endet im März. Ein halbes Jahr also, um auf das Miterleben dieses unvergesslichen Monsterwellen-Ereignisses zu hoffen.

Das Nazare Big Wave Event

Schließlich ist es soweit: ein enormer Swell rollt in perfekter Ausrichtung auf das kleine Fischerdorf Nazare zu. Auch der deutsche Big Wave Surfer Sebastian Steudtner und seine Kumpanen von der WSL berichten bereits von ihren finalen Vorbereitungen für das bevorstehende XXL-Event in Nazare.

Anreise nach Nazare

Plötzlich stehst du vor der Frage, wie du am schnellsten zum Ort des Geschehens kommst. Im besten Fall befindest du dich bereits in Portugal, denn abgesehen von der Algarve, ist es gefühlt von überall aus dem kleinen Land nur ein Katzensprung bis nach Nazare. Aber selbst, wenn du zu besagtem Zeitpunkt im Süden weilst, lohnen sich die vier bis fünf Stunden Fahrt nach Nazare auf jeden Fall! Ob mit Bus, Bahn, Mietauto, Mitfahrgelegenheit oder eigenem Campervan – du wirst definitiv einen Weg zur den Nazare Wellen finden.

Ob mit Bus, Mietauto oder Tuki Tuki – irgendwie kommt man immer nach Nazare

Nur für das Big Wave Event von Deutschland aus nach Lissabon zu fliegen, davon raten wir dir an dieser Stelle allerdings ab. Zum einen selbstverständlich aus naheliegenden ökologischen Gründen (es reicht, wenn die Big Wave Surfer für die portugiesische Welle extra aus Hawaii und Co anreisen) und zum anderen aufgrund des immer bestehenden Risikos, dass die Welle am Ende trotz perfekt anmutender Konditionen durch diverse unberechenbare Faktoren doch nicht zustande kommt (wie zum Beispiel passiert am 18. November 2018, trotz eines Surf Forecasts von fünf Metern und 20 Sekunden!).  

Du packst deinen Koffer und nimmst mit …

Hast du die Anreise bereits geregelt, gibt es ein paar Dinge, die du unbedingt in deinen Koffer oder auf die Rückbank deines Surfmobils schmeißen solltest, um das XXL-Event von seiner allerbesten Seite erleben zu können.

Auf Platz eins unserer exklusiven Packliste für dich, landet unumstritten das Fernglas. Meistens sieht es auf Fotos zwar so aus, als ob die Big Mamas wirklich direkt vor deiner Nase brechen, in Realität sind die Nazare Wellen aber schon ein paar hundert Meter von dir entfernt.

Ohne Fernglas lassen sich die Big Wave Surfer in Nazare nur schwer erkennen

Wenn du also Lust hast, ein bisschen mehr von den Big Wave Surfern zu sehen, als bloß einen kleinen schwarzen Strich auf einem gigantischen Wasserberg, dann investiere ein paar Moneten in einen guten Feldstecher. Du wirst es auf keinen Fall bereuen, denn auch für den ganz normalen Wellencheck im Surfurlaub lohnt sich die Anschaffung allemal.  

Aus eigener Erfahrung können wir berichten, dass Tage am Praia do Norte lang sein können. Denn haben sich alle Konditionen schließlich zu perfekten Wellen vereint, lassen sich die Surfer und Surferinnen meistens keine einzige Minute des Spektakels entgehen.

So wirst du auf jeden Fall bereits bei den ersten Zeichen der aufgehenden Sonne die ersten Wellenhungrigen im Line-Up beobachten können (wo du morgens leckeren Kaffee bekommst, dazu später mehr).

Und wenn Big Mama bis abends gute Laune hat, dann wirst du auch bis abends wie gebannt aufs Meer starren und spektakuläre Wellenritte beobachten können.

Daher landet auf dem zweiten Platz unserer Pack-Empfehlung für dich auf jeden Fall eine Sitzgelegenheit. Klar kannst du dich auch ganz einfach auf den Boden setzen, aber dieser ist aufgrund der vielen Gischt meistens sehr feucht. Eine Decke hilft da auf jeden Fall schon mal weiter. Aber ist gefühlt ganz Portugal in Nazare versammelt wie die Löwen am Wasserloch, kann eine leicht erhöhte Sicht durch einen Campingstuhl wirklich Gold wert sein. Und so ein kleiner Bierhalter an der Seite ist ja auch nicht ganz verkehrt.

Was uns elegant zum nächsten Punkt auf der Packliste bringt: ausreichend leckere Verpflegung. Wie gesagt können die Tage lang werden und glaub uns: wenn die Nazare Wellen richtig pumpen, willst du ihnen zwischendurch nicht einfach den Rücken kehren, nur weil dich ein kleiner Hunger zwickt. Auch im Hinblick auf deine nächste Surfsession solltest du daher darauf achten, dass dein Kohlenhydratspeicher immer konstant gefüllt bleibt. Ein wenig Dextro Energy kann da schon super helfen.

Und was wäre ein guter Film ohne Popcorn?!

Surf Fotografen in Nazare: Ohne Teleobjektiv wird`s schwer

Zu guter Letzt noch ein Tipp an alle Surf FotografInnen da draußen: hast du ein bisschen mehr Geld auf der hohen Kante und willst dich in die große Schar der Fotografierenden in Nazare einreihen, sollte ein Teleobjektiv auf keinen Fall in deiner Ausrüstung fehlen.

Mit dem Handy kannst du zwar auch super Eindrücke einfangen, aber ohne Zoom wirst du Schwierigkeiten haben, den Nazare Wellen auch nur ansatzweise mit einem Foto gerecht zu werden.

Die beste Sicht in der Big Wave Arena von Nazaré

Hast du alles für einen Tag in Nazare gepackt und machst dich auf den Weg zum Leuchtturm, gibt es zwei Wege diesen zu Fuß zu erreichen. Je nachdem, wo du geparkt hast (oder übernachtest, auch dazu später mehr), kannst du zum einen über den breiten Sandstrand des Praia do Norte laufen oder zum anderen in der Nähe des Felsens starten und diesen auf direktem Weg ansteuern.

Vom Campinstuhl aus lässt sich die Aussicht in der Big Wave Arena von Nazaré besonders gut genießen

Je näher du dich am Fort mit dem kleinen, roten Leuchtturm befindest, desto höher stehst du und desto besser ist dementsprechend die Sicht auf das Geschehen. So kannst du von ganz oben auf der kleinen Festung, auf der sich besagter Leuchtturm befindet, nicht nur einen spektakulären Blick auf die gesurften Nazare Wellen erhalten, sondern zudem bestens beobachten, wie die vielen Jet-Skis über das Wasser sausen, um die SurferInnen in die Wellen zu ziehen oder wieder herauszufischen.

Auch siehst du von dort aus als eine der ersten Personen die nächsten Wellen Sets heranrollen. Nicht ohne Grund stehen hier ebenfalls die sogenannten Spotter der jeweiligen Big Wave Teams, die über Funk mit den zugehörigen Jet-Ski-Fahrern auf dem Wasser in Verbindung stehen, um den Big Wave Surfern die perfekte Position im Line-Up zu vermitteln.

Handelt es sich allerdings um ein offizielles WSL-XXL-Event, ist das Dach der Festung meistens nur für Kamerateams und JournalistInnen zugänglich. Steht dir die Tür offen, gelangst du nur zur oberen Plattform, wenn du zuvor den Eintritt von 1 Euro für das Surfmuseum bezahlt hast, welches sich in der unteren Etage des Forts befindet.

Pilgern & Parken: Praktische Tipps für die Ankunft vor Ort

Aufgrund des großen Andrangs und der rar gesäten Parkplätze rund um die Festung, kann es bei einem offiziellen Big Wave Event sehr schwierig werden, dein Auto in der Nähe des Forts abzustellen. Gehörst du nicht zu den ersten BesucherInnen, die bereits im Morgengrauen in Richtung Festung strömen, steuere daher am besten dir etwas weiter nördlich gelegenen Parkplätze am Praia do Norte an. An dieser Stelle wirst du mit Sicherheit etwas mehr Platz zum Parken finden.

Weißwasser Explosionen am Praia do Norte

Kommst du anschließend über den Strand des Praia do Norte auf den Felsen zugelaufen, wirst du außer einer riesigen Wand aus Weißwasser kaum etwas anderes sehen. Aber allein dieser Anblick ist bereits unvergesslich. Halte bei deinem Spaziergang unbedingt genügend Abstand zum Meer, da das Weißwasser in Nazare nichts mit den bei SurfanfängerInnen beliebten gebrochenen Wellen zu tun hat, sondern dich im schlimmsten Fall von den Füßen und in den wilden Ozean reißen kann.

Bist du am südlichen Ende des Strandes angekommen, führt ein kleiner Trampelpfad den Felsen hoch zum Fort von São Miguel Arcanjo. Je nachdem, wo es dir gefällt und wie weit du auf den Ozean hinausschauen möchtest, bieten sich dir auf dem Weg dorthin bereits zahlreiche schöne Möglichkeiten, dein kleines Zuschauerlager aufzuschlagen und die Nazare Wellen beim Toben sowie die SurferInnen bei ihren Teufelsritten auf den donnernden Wassermonstern zu beobachten.

Riding Giants: Wer surft die Nazare Wellen?

So international wie die Bekanntheit, die Nazare innerhalb von kürzester Zeit erlangt hat, sieht es auch im Line-Up aus. Die bekanntesten Gesichter aus der Big Wave Surfer Szene kommen hier jedes Jahr aufs Neue aus der ganzen Welt zusammen, allesamt in der Hoffnung, die größte Welle ihres Lebens zu surfen.

Big Wave Surfer Alex Boltelho paddelt ohne Jet-Ski in die Nazare Wellen (Foto: Celeste Leandri)

Von den US-amerikanischen Garrett McNamara und Kai Lenny, der Französin Justine Dupont, dem Deutschen Sebastian Steudtner über die Brasilianerin Maya Gabeira bis hin zu den Big Wave Ikonen Portugals Nic von Rupp und Alex Botelho.

Sie alle verfolgen das gleiche Ziel und trainieren das ganze Jahr über sehr hart, um den extremen Anforderungen des Big Wave Surfens gewachsen zu sein. Immer mit dabei ist ihr komplettes Team, das nicht nur aus TrainerInnen und Sicherheits-Jet-Ski-FahrerInnen besteht, sondern wie zum Beispiel bei Sebastian Steudtner auch aus eigenen ÄrztInnen.

Trainieren wie die Profis

Wie bei fast allen Dingen im Leben, haben auch die Big Wave SurferInnen einmal klein angefangen. Doch mit wachsendem Können wuchsen die Herausforderungen und umgekehrt, bis es sie schließlich allesamt auf dem ein oder anderen Weg zu den Nazare Wellen verschlug.

Dass die Reise dorthin allerdings kein Zuckerschlecken ist und Talent allein in den Big Waves definitiv nicht ausreicht, um nach der Session unversehrt wieder an Land zu kommen, zeigt ein Blick auf den vollen Trainingsplan der AthletInnen.

Die erfolgreichsten unter ihnen können inzwischen dank bekannter Sponsoren von der Jagd nach den größten Wellen der Welt leben, sodass ihre Arbeit darin besteht, sich bestmöglich auf die Big Wave Events vorzubereiten. Dazu gehören neben dem Trainieren diverser Muskelpartien unter anderem das sogenannte Apnoe-Training.

Tipp: Wenn du noch nie etwas von der Apnoe-Technik gehört hast und bei zukünftigen Surf-Sessions gerne etwas länger als sonst die Luft anhalten möchtest, kann dies durchaus auch für dich von Interesse sein. Es handelt sich hierbei um eine ganz spezielle Atemtechnik, die es dir ermöglicht, mehr Sauerstoff in deinem Körper zu speichern.

Auf diese Weise ist es den Extrem-SportlerInnen möglich, im schlimmsten Fall mehrere Minuten unter Wasser zu bleiben und wieder an die Oberfläche zu kommen, ohne zuvor das Bewusstsein zu verlieren.

Dass es trotz dieser Technik immer wieder zu brenzligen Situationen kommt, zeigt u.a. der Wipe-Out von Maya Gabeira im Jahr 2013. Nach ihrem Sturz blieb sie lange Zeit Unterwasser und wurde schließlich von Jet-Ski-Fahrern regungslos aus dem Meer gezogen. Erst nach fünf Minuten kam sie wieder zu sich und stand ein Jahr nach ihrem lebensgefährlichen Wipe Out bereits wieder auf einer der riesigen Nazare Wellen.

Big Wave Surfer und Jet-Ski Fahrer in der Weißwasserhölle von Nazare

Neben der überlebenswichtigen Apnoe-Technik zeigt dieser Vorfall zudem die hohe Bedeutung der Jet-Ski-FahrerInnen. Sie sind es, die zum einen dafür sorgen, dass die Big Wave Surfer dank des sogenannten Tow-In-Verfahrens in die Welle kommen und sie zum anderen anschließend auch wieder aus dem lebensgefährlichen Weißwasser-Chaos herausziehen.

So ein Manöver spielt sich nach einem Sturz gerne mal direkt in der Impact Zone ab, also in dem Bereich, wo die Wellen mit voller Wucht (wir sprechen hier von mehreren tausend Tonnen Wasser!) auf die Wasseroberfläche treffen. Der Jet-Ski muss sich für eine solche Rettungsaktion direkt in diese Gefahrenzone begeben und riskiert dabei selber sein Leben.

Seit 2019 treten die Athletinnen bei offiziellen Big Wave Events der WSL in Teams an und wechseln sich mit dem Fahren des Jet-Skis und dem Surfen ab. Demzufolge muss jeder der Top-AthletInnen nicht nur das Surfboard unter vollster Kontrolle haben, sondern auch die schnellen und schweren Maschinen bestens bedienen können.

Das beste Training wäre natürlich, so oft wie möglich riesige Wellen zu surfen, aber Spots wie Jaws, Nazare und Mavericks laufen auch in der Big Wave Saison nicht alle paar Tage. Ein essentieller Bestandteil des Profi-Trainings ist es daher, die extremen Situationen zu simulieren und nicht nur den Körper, sondern vor allem auch die Psyche bestmöglich auf den gewaltigen Stress vorzubereiten, der sie in den Nazare Wellen erwartet.

So sagt Maya Gabeira, dass sie es nur dank solcher Methoden der Stressbewältigung nach ihrem schweren Unfall geschafft hat, sich wieder mit freiem Kopf von einem Jet Ski in die Monsterwellen von Nazare ziehen zu lassen.

Was ist der Unterschied zwischen Surfen und Big Wave Surfen?

Wie du siehst, trainieren die ExtremsportlerInnen sehr hart für ihren Erfolg (und ihr Leben). Anders als beim herkömmlichen Wettkampfsurfen, also dem Surfen auf Wellen unter sechs Metern mit wilden Sprüngen (Airs) und radikalen Surfmanövern, reicht für das Big Wave Surfen ein physisches und mentales Training allerdings immer noch nicht aus.

Gut gepostert ist halb gewonnen: Big Wave Surfer in Nazaré

So werden zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen anhand spezieller Wetsuits getroffen, die an besonders wichtigen Stellen extradick gepolstert sind. Zudem benutzen viele SurferInnen inzwischen eine Art aufblasbare Weste, die bei manchen Big Wave Wetsuits bereits integriert ist.

Sie funktionieren in ähnlicher Weise wie Lawinen-Airbags, die durch das Ziehen an einer Notleine mit Luft gefüllt werden und die SurferInnen nach einem heftigen Wipe-Out zurück an die Wasseroberfläche befördern.

Auch die Big Wave Surfboards sehen anders aus als die typischen High Performance Bretter. So gibt es zum einen die sogenannten Guns: Boards, die sehr lang und schmal sind und an beiden Enden spitz zulaufen. Sie sind zudem viel schwerer, damit sie stabil auf dem Wasser gleiten und zusätzliche Geschwindigkeit aufnehmen können.

Big Wave Surfboards am Praia do Norte

Paddeln die SurferInnen aufgrund der hohen Wellengeschwindigkeit nicht mehr selber an, sondern nutzen die Unterstützung durch einen Jet-Ski, sprechen wir vom Tow-In-Surfen, das an großen Tagen so gut wie immer in Nazare zu sehen ist.

Dabei stehen die AthletInnen bereits auf ihrem Surfboard, das in diesen Fällen deutlich kleiner ist und mit Schlaufen für die Füße versehen ist, und lassen mithilfe eines Seils vom Jet-Ski in die Welle ziehen.

Der sympathische Portugiese Alex Botelho ist übrigens einer der wenigen, der die Nazare Wellen regelmäßig aus eigener Kraft ganz ohne Jet Ski angepaddelt. Im Surfnomaden Surfguide Portugal findest du ein ausführliches Interview mit ihm, in dem er über sein Leben als Big Wave Surfer, seine Erfahrungen in Nazare und seine Gedanken zum Surftourismus in Portugal berichtet.

Das Big Wave Museum von Nazare

Hat sich Big Mama zwischendurch mal ein wenig beruhigt und du hast Lust, mehr über die Besonderheiten der Nazare Wellen zu erfahren, lohnt sich definitiv ein Abstecher in das Big Wave Museum.

Das Big Wave Museum von Nazare befindet sich im Forte de São Miguel Arcanjo

Dieses befindet sich wie erwähnt im unteren Teil des Forte de São Miguel Arcanjo und beherbergt neben einem detaillierten 3D-Modell des Tiefseegrabens und ausführlichen Erklärungen zur Entstehung der Welle auch zahlreiche Surfboards diverser Big Wave Surfer.

Alleine, um sich die unterschiedlichen Bretter mal aus nächster Nähe anzuschauen, lohnt sich der Eintritt von 1 Euro auf jeden Fall!

Übernachtungen, Restaurants & Cafés

Wenn du auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit bist, bieten sich dir in Nazare einige Optionen. Bist du mit eigenem Camper oder Zelt unterwegs und suchst nach einem entspannten Schlafplatz, bietet der Camping Vale Paraíso eine wunderschöne Möglichkeit unter duftenden Pinien zu schlafen.

Die Zulla Surf Bar im Stadtteil Sitio ist beliebt bei den Locals

Falls du hingegen auf der Suche nach einem Zimmer (Einzel- oder Mehrbettzimmer) oder einem Apartment bist, empfehlen wir dir das Zulla Nazaré’s Surf Village. Das erst 2019 von den beiden professionellen Bodyboarderinnen Ana und Teresa eröffnete “Surfer Dörfchen” hat sich wirklich komplett dem Surfen und Bodyboarden verschrieben.

Hier kannst du in entspannter Atmosphäre einen aufregenden Tag an der Zulla Bar ausklingen lassen oder dir ein leckeres Essen aus biologischen und lokalen Zutaten kredenzen lassen. Morgens gibt es zum perfekten Start in den Tag sehr guten Kaffee (wir haben es dir ja versprochen) und wenn dir nach den vielen Stunden Zuschauen danach ist, endlich mal wieder selber auf dem Surfboard zu stehen, kannst du dich in die Zulla Surf School einbuchen.

Denn ob du es glaubst oder nicht, in Nazare und Umgebung kannst du auch selbst dann zum Surfer werden, wenn dein Trainingsplan noch nicht so aussieht, wie der der Big Wave Profis. In der näheren Umgebung von Nazare befinden sich diverse Beachbreaks mit deutlich entspannteren Wellen als am Praia do Norte, sodass sich ein Aufenthalt auch für Surfanfänger und Intermediates lohnen kann.

Das Sitiado Restaurant in Nazare vereint Gemütlichkeit, hervorragendes Essen und guten Wein

Auch in Sachen Gastronomie bietet Nazare eine Vielzahl an Möglichkeiten. Besonders empfehlenswert ist ein kleines Eckrestaurant im oberen Ortsteil Sítio da Nazaré, das uns durch eine besonders charmante Atmosphäre und ein vielseitiges Angebot an Tapas und Weinen überzeugt hat.

In dem gemütlich dekorierten Sitiado der Familie Mafra helfen alle mit: Die Mutter kocht, die Oma schnippelt das Gemüse und Sohn und Tochter bedienen die Gäste an den wenigen Tischen. Eine Vorab-Reservierung ist daher unbedingt ratsam.

Fazit

Falls du im Winterhalbjahr in Portugal bist oder es demnächst vorhast, stelle dir unbedingt deinen Big Wave Alarm. Denn dieses Ereignis ist unvergesslich und jeder surfbegeisterte Mensch sollte einmal im Leben (mindestens) das Glück haben, die Big Waves von Nazare mit eigenen Augen erlebt zu haben.

Lesetipp: Erfahre in unserer Surfcamp Portugal Review, welche Camps sich für deinen Surfurlaub in Portugal besonders lohnen.

Aber auch sonst ist Nazare ein schöner portugiesischer Strandort, der mit seinen engen Gassen und traditionellem Charme auch an Tagen ohne große Nazare Wellen als Abstecher lohnt. Der breite Stadtstrand liegt sehr geschützt hinter den steilen Klippen des Sitio, was ihn in den windigen Sommermonaten besonders bei portugiesischen Badegästen beliebt macht.

Für einen Surfurlaub in Nazare bietet sich vor allem das Zulla Surf Village der beiden portugiesischen Bodyboarderinnen Ana und Teresa an, wo du Unterkunft, Surfkurse und guten Kaffee aus einer Hand bekommst. 

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